Resonanzen

Buchpremiere

„Vielleicht ein Narr wie ich“
Peter Härtling. Das biographische Lesebuch.
11.9.2006
Akademie der Künste
Hanseatenweg

Detlef Berentzen ist mit seinem Peter-Härtling-Lesebuch eine besondere Form biographischen Erzählens gelungen. In einer fast filmischen Montage geht der Autor und Journalist dem Lebensweg Peter Härtlings nach. Erinnerungen enger Weggefährten, Briefe, Kritiken, Fotos und unveröffentlichte Aufzeichnungen werden dokumentiert und im Gespräch mit Peter Härtling kommentiert.
Von der Kriegskindheit, Flucht und Schule über seine Arbeit als Journalist und Verleger bis zu seinen Erfolgen als Lyriker, Roman- und Kinderbuchautor wird das Leben Peter Härtlings anschaulich erzählt. Entstanden ist gleichzeitig ein Stück Literaturgeschichte der Bundesrepublik.
Peter Härtling und Detlef Berentzen stellen gemeinsam Auszüge des Lesebuchs vor. Der Komponist und Saxophonist Joachim Gies spielt eigene Versionen von Liedern aus Schuberts „Winterreise“.

Über einen, der „in Zeilen zuhaus“ ist

Gäbe es so etwas wie eine Überschrift über sein Leben, so müsste sie die frühe Erfahrung von „Verlust und Fremde“ beinhalten. Wo konnte er, der Flüchtlingsjunge, der bereits früh ohne Eltern und auf sich selbst gestellt war, sich geborgen fühlen, wo konnte er zuhause sein.

Traumatisiert von einer „Kriegskindheit im Dritten Reich“, gab es für ihn nur eine Möglichkeit, er beherbergte sich schon bald selbst: in seiner Sprache. Flüchtete in die eigenen Zeilen. Das Wort wurde Heimat für Härtling, in ihm konnte er ankommen, bei sich sein. Ein äußerst schwieriger Start in ein Leben, das „erzählt sein wollte“, wie der Autor des „biographischen Lesebuchs“ in seinem Prolog schreibt.

Ja, dieses Leben wollte erzählt sein. Und Detlef Berentzen hat es erzählt, genial erzählt. Hat hierfür über drei Jahre lang recherchiert, die unterschiedlichsten Dokumente zusammengetragen – Briefe, Bilder, Photographien, unveröffentlichte Aufzeichnungen – und mit denen gesprochen, „die mit ihm unterwegs waren“ oder die noch immer Wegefährten des inzwischen 73-jährigen sind. Hat die Fülle an Material ausgewertet, sie chronologisch geordnet, aneinandergereiht, montiert, miteinander verbunden.

Entstanden ist eine außergewöhnliche, attraktive, facettenreiche Biographie, die den Leser mit Hilfe einer sehr modernen, filmisch anmutenden Montagetechnik hineinnimmt in die private Welt Härtlings. Und die gleichzeitig das kulturelle und politische Leben der vergangenen sieben Jahrzehnte spiegelt. Dabei wird offensichtlich: „Verlust und Fremde“ blieben Grunderfahrungen, Härtling schrieb aber stets beharrlich und erfolgreich gegen sie an.

Drei Jahre, nachdem der Dichter selbst einen Band mit ausführlichen Erinnerungen vorgelegt hat („Leben lernen“), macht es der Journalist Berentzen dem Leser nun möglich, sich Härtling noch einmal ganz neu zu nähern: dem Künstler, dem außergewöhnlichen Poeten, sensiblen Biographen, dem vielseitigen Kinderbuchautor. Aber auch dem Menschen, dem Verletzlichen, Engagierten, dem „Suchenden, der gefunden hat. Und wieder sucht“, demjenigen, der in „Zeilen zuhaus“ ist. Ein durch seine permanenten Perspektivwechsel und seine Materialfülle ungemein informatives, eindrückliches Buch, das nicht nur Peter-Härtling-Fans unbedingt zu empfehlen ist.

Beate Kugel, „Tageblatt“/Luxemburg, Literaturbeilage Dezember 2006

Der Sog, der wach hält

Er war ungefähr sechzehn, als er die ersten Verse in ein Heft schrieb. Er kannte schon Trakl und Rilke und diesen kleinen, buckligen Mann, der vor Hitler nach London geflohen war, den sehr sanften und wundervollen Max Herrmann-Neiße, von dem andere noch nie gehört hatten. In seinem Kopf schwirrten Gedichtzeilen und Bilder von einem Dasein unter Büchern und Poeten. Er hatte, geboren 1933 und von den Schrecken des Krieges gezeichnet, früh Vater und Mutter verloren, unterdessen aber glücklicherweise einen Mann gefunden, einen Maler und Bildhauer, der ihn fürsorglich an die Hand nahm, mehr noch: der ihm das Gehen beibrachte, Bücher lieh, Angelus Silesius und die Oden Hölderlins ans Herz legte, der ihn zu Grieshaber mitnahm und in politische Gespräche verwickelte. Bei Fritz Ruoff holte er sich das Rüstzeug fürs Leben, und dieses Leben wurde dann tatsächlich so, wie er es sich, als er in Nürtingen noch der »verrückte Poet« war, ausgemalt hat. Es drehte sich um Literatur und ums Schreiben.

Vor ein paar Jahren, im Erinnerungsbuch »Leben lernen», hat Peter Härtling alles selber berichtet: wie er eines Tages die Schule schmiss, sich in Zeitungsredaktionen tummelte, einen ersten Versband publizierte und bald darauf auch einen ersten Roman, wie er bei S. Fischer einstieg, Verlagsleiter wurde und den Posten wieder aufgab, weil ihm die Zeit zum Schreiben fehlte. »Er war ein Besessener«, sagt Werner Schoenicke, der damals alles aus nächster Nähe sah, ein junger Mann mit langem Arbeitstag, der nebenbei Artikel und Aufsätze schrieb und größere Projekte mit sich herumtrug. Die knappe Auskunft des ehemaligen Kollegen steht jetzt in der Mitte eines Bandes, der alles noch einmal von vorn erzählt, die ganze Geschichte des Peter Härtling von der Geburt in Chemnitz bis zum (vorläufig letzten) Buch »Die Lebenslinie», aber anders, neu, aus ständig wechselnder Perspektive.

Aus lauter Schnipseln – Äußerungen des Schriftstellers, Briefen, Erinnerungen, Kritiken, Interviews, Fotos – hat Detlef Berentzen ein großartiges, nuancenreiches Lesebuch komponiert, eine dokumentarische Biografie, die mit vielen Details überrascht, aber nicht nur gebannt auf den Autor und seine Unternehmungen blickt, sondern ebenso den Hintergrund dieser sieben Jahrzehnte beleuchtet, die politischen Vorgänge und literarischen Ereignisse. Härtling ist ja nie ein Mann gewesen, den es im stillen Kämmerlein hielt. Dazu hat er schon als Kind zu viel gesehen. Die Schrecken des Krieges, Trauma der frühen Jahre, blieben gegenwärtig, und je älter er wurde, umso sensibler und energischer reagierte er auf Gleichgültigkeit, Verdrängung und Intoleranz. Die Erbitterung über die fortdauernden Einflüsse der alten Nazis, meint Ulrich Renz, war bei ihm immer zu spüren, und er erzählt, wie sie beide vom selben Fahrlehrer, einem alten Nazi, unterrichtet wurden, der sie jedes Mal mit seiner braunen Gesinnung traktierte, bis Härtling die Nase voll hatte, den Motor abstellte, ausstieg und ging (und fortan nie wieder Anstalten machte, das Autofahren zu lernen).

Später, nun Redakteur in Westberlin, attackierte er die Politik Adenauers. Mit tiefem Unbehagen registrierte er in den sechziger Jahren, wie Hitler in den westdeutschen Medien wieder hoffähig wurde, er schrieb gegen den Vietnam-Krieg und war dabei, als das »Wahlkontor Deutscher Schriftsteller« gegründet wurde, um im Wahlkampf Willy Brandt zu unterstützen. Er war sich auch nicht zu schade (und hätte es vorher kaum für möglich gehalten), Reden für Fritz Erler zu schreiben, den Militärexperten der SPD. Rund zwanzig Jahre danach, im August 1985, hat er sich öffentlich und vehement »gegen den Erinnerungsverlust« gewehrt, »die Geschichtslosigkeit, gegen die am Tag haftenden, kleinmütigen Wörter der heute Herrschenden«. Härtlings Roman »Felix Guttmann«, der in jenen Wochen erschien, antwortete auf solchen Erinnerungsverlust mit der Geschichte eines Mannes, der, ein gebildeter Anwalt mit Zukunft, im Berlin der zwanziger Jahre lebt, fern von aller Politik und den Gewalttätigkeiten jener Tage, bis die Nazis es geschafft haben und er, der Beobachter, plötzlich erkennt, dass alle Reserviertheit tödlich enden kann. Da beginnt er, den Gefährdeten zu helfen, ehe er selber in letzter Minute nach Palästina entkommt.

Solche Geschichten hat Härtling immer wieder erzählt. Immer wieder geraten seine Figuren in die Mühlen der Zeitgeschichte, ob der charakterschwache Hubert Windisch, der den Krieg überlebt, aber dann an westdeutschen Realitäten scheitert, ob Walter Benjamin im Buch »Der Wanderer«, der sich auf der Flucht vor den Nazitruppen das Leben nimmt, oder Hölderlin, der an den gesellschaftlichen Zuständen zerbricht und im Wahnsinn endet. Das Werk, inzwischen in einer neunbändigen Ausgabe versammelt, ist so umfangreich, dass die Bibliografie am Ende des Lesebuchs über vier Seiten beansprucht: Kinderbücher, Gedichtbände, Romane, Erzählungen, Essays, Kritiken, Reden, Interviews, dazu eine Reihe von He-rausgaben. Ein enormer, bewundernswerter Fleiß. Härtling hat, vom ganz frühen Roman »Im Schein des Kometen« einmal abgesehen (den er selber für schwach hält, von dem er sich aber nie distanzierte), 1964 mit »Niembsch oder Der Stillstand« groß und eindrucksvoll begonnen, und er hat sein Niveau in all den Jahren souverän gehalten. Kritiker, oft selbstverliebt und ungerecht, haben manchmal gemault und gemäkelt, die Lesergemeinde aber liebt ihn aus gutem Grund. Er hat beizeiten einen Ton gefunden, »der die Menschen, die meine Bücher lesen, erregt, aufbringt, sie traurig macht, in Tränen versetzt. Solch einen Ton brauche ich, da bin ich tatsächlich Romantiker.«

Wie zur Bestätigung dieser Worte bringt das Lesebuch einen Brief, der wahrscheinlich für viele Briefe steht, die Härtling im Lauf der Zeit erreichten. Geschrieben hat ihn die Schauspielerin Lilli Palmer nach der Lektüre des »Hölderlin«: »Er hat mir in den letzten Wochen mehr zu denken und zu fühlen gegeben als irgendein Buch während der letzten Jahre, u. ich werde es wohl in diesem Leben nicht loswerden.« »Das Schreiben ist wie ein Sog, der mich wachhält.« Der Satz ist vier Jahre alt. Im November wird Härtling 73. Der Atem geht heute schwerer, die Treppen, die er zuweilen steigen muss, kommen ihm höher vor als früher, das Herz ist gefährdet, aber das Glas Wein lässt er sich nicht nehmen. Das Schreiben natürlich auch nicht. Seine Leser kann es nur freuen.

Klaus Bellin, Neues Deutschland, 11. September 2006

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