Wer sich in den Hartz begibt, kommt darin um!

Mal wieder Märchen erzählen. Von dem Kind, das am Morgen nicht aufstehen wollte. Der Wecker klingelte, die Regentropfen tanzten Hip und Hop auf der Fensterbank, und die Mutter war längst auf dem Weg zum vierten Hartz, um ein wenig Geld zu scheffeln. Einen Vater gab es nicht. Der war längst in Amerika abgetaucht. Oder sonstwo. Das Kind lag also da und murmelte: Solange der blöde Vater nicht kommt, bleibe ich einfach im Bett. Und stand nie wieder auf. Auch die Mutter kam nicht zurück. Die ging irgendwo im finsteren Hartz verloren. Nicht alle Märchen haben ein glückliches Ende.

 

 

Illustration: Joern Schlund

„Die Erinnerungen werden dir helfen!“ (Norberto Bobbio)

Einsamkeit: dass man, älter geworden, allein ist mit seinen Erinnerungen: dass die, mit denen Erinnerungsverabredungen bestanden, nicht mehr erreichbar oder gar nicht mehr sind, dass kaum etwas von dem, was öffentlich über die zurückliegenden Zeiten verlautbart wird, noch verträglich mit den privaten Rückblicken ist; dass die Jugenderinnerung für die jetzt Jugendlichen klingt wie eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg. (Silvia Bovenschen)

 

Reden wir vom Alter. Vom Altern, von den Alten. Nicht von denen aus der Hochglanzwerbung, den allzeit fröhlichen Konsumenten von Kreuzfahrten,  Windeln und Treppenliften, sondern von den Vielen, die der beschleunigte Alltag einer bunten und digitalen Welt im Grunde nicht länger meint. Reden wir von den verlangsamten Alten und vor allem darüber, was im aktuellen und historischen Diskursen über sie gedacht wird und wurde. Denn genau das hilft.

Vieles, was in den aktuellen Debatten zum Thema kursiert, weiß wenig vom tatsächlichen Leben der Alten (ihrer „conditio humana“) und noch weniger von der Geschichte jenes Denkens, das im Laufe der Jahrhunderte das Alter und seine Alten reflektiert hat. Ob nun Cicero dem Alter  in „De senectute“ einen respektablen (auch sozialen) Sinn abgewinnt, dabei auch das Gespräch zwischen den Generationen postuliert oder Jacob Grimm, der sich  in seiner „Rede über das Alter“ selbst einen „freigesinnten alten Mann“ nannte  und mutig die Tugenden des Alters bestimmte, darunter auch jene Gelassenheit, die mit einer „gefestigten und freien Gesinnung“ einhergeht.

 

Später ist es dann Jean Amery, der in seinen Essays all das, mit dem seine Vorgänger dem Alter noch Glanz verliehen, um ein Anderes, Kontroverses ergänzt: Das Alter als „unheilbare Krankheit“, als Leiden und Schmerz, als Zeit des „Sich-Fremd-Werdens“, in der sich der Mensch zunehmend verloren geht. Ein Stück Wahrheit, das der italienische Philosoph Norberto Bobbio in seinem Buch „Vom Alter“ mit über neunzig Jahren quasi synthetisch aufnimmt, indem er die eigene Metamorphose begreift, auch die Reaktionen seiner Umwelt auf das Alter reflektiert, gleichzeitig aber auch dem Alter einen eigenen Sinn und eigene Aufgabenbereiche zuordnet, nicht zuletzt die individuelle Erinnerungsarbeit zwecks Herstellung von Identität: „Konzentriere dich. Verschwende die kurze Zeit nicht, die dir noch bleibt!“

Alter ist mehr als das, was in den Medien aufscheint, mehr als Rentenproblematik, Inkontinenz, Statistik und Demenz. Das Alter hat gerade in der Philosophie eine eigensinnige Gegenwart und eine ebensolche Geschichte. Dieses Gestern und Heute will ich radiophon erzählen – u.a. mit Hilfe von Philosophen, Alten und sonstigen Suchenden. Erst eine solche  Erzählung bildet den inspirierenden Rahmen für den längst  überfälligen Gegenentwurf zur „stillschweigenden Aussonderung der Alternden“ (Norbert Elias) und dem aktuellen Credo, „dass wir alle alt w e r d e n, aber niemals alt s e i n wollen!“ ( Wolfgang Kramer, Philosoph und Geronto-Sozialtherapeut)

SWR2
„Wissen“
27.4. 2018
Red.: Ralf Kölbel
Autor und Regie:
Detlef Berentzen
SprecherInnen  (Zitate):

Katrin Machel, Holger Franke

Illustration: Joern Schlund

Richtungsweisende Zitate (2)

Alle wollen Donald Trump erklären. Fast alle. Doch die Gegenwart reicht allein nicht aus, um das jahrhundertealte Phänomen von Wahn, Besessenheit und Egomanie komplett zu begreifen. Nicht einmal die Couch der Analytiker hat viel genutzt. Doch dann kam Shakespeare, gerade neulich, verkleidet als der US-Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt. Der legte, wohl aus gegebenem Anlass, ein Buch vor, diesmal über „Tyrannen“ (Shakespeare on Politics), also über Macht, Habgier, Irrsinn, Intrigen und die dazugehörigen Köpfe, ob nun die von Richard, Cäsar oder eben auch von Macbeth. Wer Trump verstehen will, sollte den alten Macbeth lesen.

Oha, das hörte die Chefin der deutschen Shakespeare Gesellschaft, Claudia Olk, im Interview des Deutschlandfunks Kultur nun gar nicht gern: „Der Vergleich zu Macbeth wäre doch ein sehr großes Kompliment für den gegenwärtigen amerikanischen Präsidenten.“ Es stimmt schon, was Trump betrifft, sind Komplimente fehl am Platz. Und trotzdem: Form und Struktur tyrannischer Machthaber werden bei der Lektüre von Macbeth durchaus klarer. Und bekommen geschichtliche Dimensionen.

„Juckend sagt mein Daumen mir/Etwas Böses naht sich hier/Nur herein/Wer’s mag sein?“ Das kam von der Dritten Hexe. Und was von Macbeth kommt, kann durchaus schon mal Trump spiegeln. Auch wenn der Mann nur eine verrückte Potenz seines aus den Fugen geratenen Publikums ist. Doch lesen Sie selbst.

 

(…)
In jedes Auge heißt Thränen locken
Und jedes Herz zur Wuth entflammen wird –
Ich habe keinen Antrieb, als den Ehrgeiz,
Die blinde Wuth, die sich in tollem Anlauf
Selbst überstürzt und jenseits ihres Ziels
Hintaumelt – Nun! Wie steht es drinn?

(…)Komm, laß uns
Den blut’gen Vorsatz mit der schönsten Larve
Bedecken! Falsche Freundlichkeit verhehle
Das schwarze Werk der heuchlerischen Seele!

(…)
Ich habe keinen Sinn mehr für die Furcht.
Sonst gab es eine Zeit, wo mir der Schrei
Der Eule Grauen machte, wo mein Haar
Bei jedem Schreckniß in die Höhe starrte,
Als wäre Leben drin – Jetzt ist es anders.
Ich hab‘ zu Nacht gegessen mit Gespenstern,
Und voll gesättigt bin ich von Entsetzen.

Bloch: „Denken heißt Überschreiten“

Der dumme Trieb zum guten Ende kann ein kluger werden, der passive Glaube ein kundiger und aufrufender. Die Arbeit gegen die Täuschung führt als Berg in die Zukunft. Die Menschen wie die Welt tragen genug gute Zukunft; kein Plan ist selber gut ohne diesen gründlichen Glauben. (Bloch: „Prinzip Hoffnung“)

 

„Es gilt, das Hoffen zu lernen!“ Nichts weniger forderte der Philosoph Ernst Bloch (1885-1977). Seine Sätze begleiten mich bis heute. Einen Philosophen, der wie er, nicht nur das Vergangene, sondern auch die lebendige Zukunft zutiefst humanistisch bedenkt, den brauchen wir. Immer und noch. Einen, der uns zu Entdeckern macht. Der den Möglichkeiten von Zukunft Stoff und Nahrung gibt.

„Denken heisst überschreiten!!“ – überall in Blochs Werk (u.a. „Das Prinzip Hoffnung“) findet der Suchende sinnstiftende Spuren, mächtige Kälte- und Wärmeströme, den Glauben an eine „gute Zukunft“. Bloch heute wieder zu lesen, auch ihn zu hören, stiftet Zuversicht und „Utopie“: Lässt uns erahnen, dass da mehr ist als das Immergleiche. Und dass es möglich ist, der kalten Fremde der Jetztzeit zu widerstehen.

Die in der Collage verwendeten O-Töne sind Teil meines Hörfunkfeatures „Renaissance der Utopien“ , das SWR2-„Wissen“ anlässlich des 40. Todestages von Ernst Bloch am 4. August 2017 gesendet hat.

Mitwirkende: Ernst Bloch Chor (Tübingen), Jan Bloch, Martin Walser, Ernst Bloch, Philipp Ruch (Zentrum für politische Schönheit), Walter Jens

 

Va, pensiero!

 

Da steht sein Haus in Walldorf, viel Glas und klare Linien, alles Neutra, du trittst ein, spürst, was war und nicht vergeht, hörst sein Rufen, das Klappern der Olympia und im Arbeitszimmer schwebt ein süßer Fetzen Verdi. Du trinkst deinen Kaffee, lauschst, stehst still und blickst hinaus in den Garten, der Ginkgo leuchtet, der Butt grünt ein wenig und die nimmermüde Gärtnerin pflanzt Hoffnung und Liebe für die nächste Winterreise. Nichts bleibt. Und doch. Von der Terrasse die Rufe der Kinder, der alten, der jungen, ihr Lachen, ihr Ungestüm, ihre Trauer, ihre Freude, wie ein „Va, pensiero“, das unser Sehnen und Hoffen besingt. Und gerade ihn meint, der jetzt da oben steht und raucht. Auf seinem Balkon aus Papier.

Zum 85. Geburtstag von Peter Härtling 
(geb. 13. November 1933, gest. 10. Juli 2017)

 

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Prekäre Balance – KünstlerInnen im Alter

Sie standen ein Leben lang auf der Bühne oder haben Bilder gemalt, haben Bücher und Hörspiele geschrieben – weil sie es mussten, weil sie es wollten, weil sie es konnten. Und sie hatten ihr Publikum. AutorIn, SchauspielerIn oder KünstlerIn zu sein, heißt, wenn man nicht zur Elite gehört, oft genug prekär zu leben, um dann im Alter mit einer „Künstlerrente“ konfrontiert zu sein, die unter der Armutsgrenze liegt – die Renteneinkünfte reichen nicht zum Überleben.

Es braucht eine Menge individueller Kreativität, Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen, aber auch die Solidarität von KollegInnen, um solch ein Finale des eigenen Künstler- oder Autorenlebens zu ertragen. Mancher weint. Mancher hadert. Man kann es sich nicht leisten krank zu werden, Urlaub ist ebenfalls nicht drin, Sparpläne sind obligatorisch, Nebenbeschäftigungen ebenfalls – eine prekäre Balance, die oft genug aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit gerät, die einst den AkteurInnen applaudiert hat.

Immer wieder scheint es selbstverständlich, dass nur Askese künstlerisch Großes gebiert und dass Kreative vornehm über die Tatsachen ihrer prekären Existenz zu schweigen haben – alles andere wäre Gejammer. Unsinn, es geht um Anerkennung, Würde und aufrechten Gang! Trotzdem ist der Titel einer Wanderausstellung (s.u.), die kürzlich noch zu sehen war , nach wie Programm für die armen Kreativen: „Brenne und sei dankbar!“

SWR2, „Leben“, 18. Oktober 2018, Red. Petra Mallwitz, Technik: Martin Kropp, Autor und Regie: Detlef Berentzen

Tütensuppe

Märchen erzählen. Von dem ausgebleichten HartzVier-Kind, das sich nachts auf die Chaussee stellt, sein viel zu großes T-Shirt ausspannt, um ein paar Taler aufzufangen und dem stattdessen nur eine Tütensuppe in den Schoß fällt. Danach steigt es wieder ins kalte Bett, legt die Tüte mit der Suppe unters Kissen und am nächsten Morgen ist aus der Tütensuppe ein schöner Prinz geworden, der unter dem Kissen erstickt ist. Jetzt hat das Kind auch noch den Ärger mit der Leiche.

RadioDays (1)

Ich mag es, wenn der Morgen frisch gemahlen daherkommt und mir den Duft von Bohnenkaffee unter die Nase reibt. Vor dem Fenster erwacht die Bärenstadt, beginnt zu rumoren, zu stöhnen, jemand startet im Hof seinen manipulierten Diesel, die Nachbarin steht schon rauchend auf dem Balkon, die gestreiften Katzen streichen schnurrend um meine Beine (junge Herren aus Fell, die unsere Wohnung beherrschen), auf dem Balkon eine neue Blüte am Hibiskus, stolz und ziemlich rot, und  eine kleine Meise kackt in den Blumenkasten mit dem vertrockneten Lavendel aus der Provence .

Es wird Zeit,  mein „Andante“ einzuschalten: ein altes Radio von Telefunken, das mich seit den Kindertagen begleitet,  aus dunkelbraunem Holz, mit kleinen Verletzungen hie und da, die Eingeweide aus Röhren und das magische Auge, rechts oben, nur eines. Die  Sendeskala leuchtet, das alte Ding wird warm,  das Auge beginnt grün zu leuchten, ich drehe am Rad und wähle den üblichen Sender. Eine scheinbar seriöse Stimme spricht zu mir von Herrschaften, die nicht mich meinen, von Attentaten, die ich nicht begangen habe, von Waffen, die ich nicht verkauft habe und von Toten, die ich nicht begraben kann. Jeden Morgen das Gleiche. Im Kühlschrank wieder keine Milch für den Kaffee.